Unsere Monatsnamen: Als die Zeit ihre Sprache verlor und uns ihre Bedeutung vergessen ließ

Unsere Monatsnamen: Als die Zeit ihre Sprache verlor und uns ihre Bedeutung vergessen ließ

Autor Sabrina Hennrich | Veröffentlicht 26. Januar 2026

Wir sprechen sie täglich aus, als wären sie neutral: Januar, Februar, März. Doch die Namen unserer Monate sind keine leeren Hüllen. Sie stammen aus einer Welt, in der Zeit noch mit Göttern, Feldern, Festen und Macht verknüpft war. Dieser Artikel folgt den Spuren der Monatsnamen, von ihrem Ursprung über politische Eingriffe bis hin zu der Frage, was es mit uns macht, in einem Kalender zu leben, der nicht mehr mit der Natur beginnt.

Zeit hatte einmal Bedeutung

Zeit war nicht immer etwas, das man verwaltet, plant oder effizient nutzt. Sie war Erfahrung. Rhythmus. Ein Wechsel von Licht und Dunkel, von Wachstum und Rückzug. Monate waren keine neutralen Abschnitte, sondern benannte Phasen des Lebens. Sie sagten etwas darüber aus, was jetzt dran war, im Außen wie im Inneren.

Frühe Kulturen lebten nicht in abstrakten Zahlenfolgen, sondern in Zyklen. Der Himmel, die Felder, der Körper gaben den Takt vor. Zeit wurde wahrgenommen, nicht gemessen. Sie war eingebettet in Rituale, in Übergänge, in wiederkehrende Muster. Monate waren Teil dieser Ordnung. Ihre Namen erzählten von Kräften, Gottheiten, Tätigkeiten oder natürlichen Prozessen.

Erst sehr viel später begann der Mensch, Zeit zu zerlegen, zu normieren und von der Natur zu lösen. Was ursprünglich Orientierung bot, wurde zu einem Raster. Was einst Bedeutung trug, wurde funktional. Doch die alten Namen blieben, wie Fossilien einer anderen Zeitauffassung.

Als das Jahr noch im Frühling begann

Dass unser Jahr heute im Januar beginnt, erscheint selbstverständlich. Doch historisch gesehen ist es eine Verschiebung und keine natürliche.

Im ursprünglichen römischen Kalender begann das Jahr im März. Nicht zufällig. Der Frühling markierte den Neubeginn: Die Erde taute auf, das Leben kehrte zurück, Feldarbeit und militärische Unternehmungen begannen. Bewegung, nicht Stillstand, war der Anfang. Die Monate Januar und Februar existierten zunächst gar nicht als vollwertiger Teil des Jahres. Sie wurden später ergänzt, um die Zeit zwischen Wintersonnenwende und Frühling zu füllen. Ein Zwischenraum. Eine Übergangsphase. Kein wirklicher Anfang.

Dass wir heute ausgerechnet den tiefsten Winter zum Startpunkt erklären, sagt weniger über die Natur aus als über Verwaltung, Macht und Ordnungssysteme. Der innere Widerspruch bleibt spürbar: Viele Menschen empfinden den Januar nicht als Aufbruch, sondern als Nachhall, als Trägheit, als Stillstand. Der Kalender fordert einen Neubeginn, während Körper und Natur noch im Rückzug sind.

Die Sprache der Götter, Felder und Zahlen

Ein Blick auf die Monatsnamen offenbart ihre ursprüngliche Bedeutung:

  • Der März ist dem römischen Kriegsgott Mars gewidmet, nicht nur als Gott des Krieges, sondern als Symbol für Energie, Durchsetzung und Bewegung. Der März stand für Aktivität, für das Wieder-in-Gang-Kommen.
  • Der April leitet sich vermutlich von aperire ab – öffnen. Die Knospen brechen auf, das Leben zeigt sich wieder. Es ist der Monat der Öffnung.
  • Der Mai ist nach Maia benannt, einer Göttin des Wachstums und der Fruchtbarkeit. Alles drängt nach oben, dehnt sich aus, will genährt werden.
  • Der Juni trägt den Namen Juno, Göttin der Ehe, der Reife und der Bindung. Ein Monat des Zusammenfügens, der Stabilisierung.

Ab dem Sommer kippt die Bedeutung: Quintilis, Sextilis, September, Oktober, November, Dezember. Monate, die schlicht durchnummeriert sind. Fünfter, sechster, siebter, achter. Bedeutung wird durch Ordnung ersetzt.

Allein daran lässt sich ablesen, wie sich das Verhältnis zur Zeit verändert hat: von symbolisch zu funktional.

Wenn Zeit neu geordnet wird

Zeit ist nie neutral. Wer Zeit ordnet, übt Macht aus.

Mit Julius Caesar und später Augustus wurden Monate umbenannt, verschoben, verlängert. Nicht aus kosmischer Notwendigkeit, sondern aus politischem Willen. Der eigene Name sollte im Kalender verewigt werden. Herrschaft wurde zeitlich eingeschrieben. Der Kalender wurde zu einem Instrument der Vereinheitlichung. Unterschiedliche regionale Zeitrechnungen wichen einer zentralen Ordnung. Das erleichterte Verwaltung – und entfernte den Menschen weiter von lokalen Rhythmen. Standardisierung brachte Effizienz, aber sie kostete Vielfalt. Zeit wurde vergleichbar, austauschbar, berechenbar. Der Preis dafür war der Verlust von Tiefe.

Die verlorene Ordnung der Monate

Ursprünglich orientierten sich Monate am Mond. Ein Mondumlauf dauert etwa 29,5 Tage. Monate waren beweglich, flexibel, anpassungsfähig. Um das Sonnenjahr auszugleichen, wurden Schaltmonate eingefügt. Zeit war kein starres System, sondern etwas, das immer wieder neu justiert wurde, im Einklang mit der Natur.

Heute sind alle Monate künstlich gleichgerichtet. 30 oder 31 Tage. Eine Ausnahme. Ordnung ersetzt Wahrnehmung. Die Gleichförmigkeit vermittelt Sicherheit, aber sie nivelliert Unterschiede.

Leben in einer fremd benannten Zeit

Wir leben in einem Kalender, der nicht mehr aus unserer Erfahrung gewachsen ist. Viele spüren eine subtile Entfremdung: Der innere Rhythmus passt nicht zum äußeren Takt. Der Januar verlangt Leistung, Neustart, Ziele – während alles in uns noch auf Winter eingestellt ist. Der Sommer wird durchgetaktet, der Herbst beschleunigt, der Winter verkürzt. Zeit wird etwas, dem man hinterherläuft. Nicht etwas, in dem man lebt.

Sich wieder erinnern lernen

Es geht nicht darum, den Kalender abzuschaffen oder romantisch in die Vergangenheit zu fliehen. Aber wir können uns erinnern. Wir können Übergänge wieder wahrnehmen. Den Frühling fühlen, bevor wir ihn terminlich festlegen. Den Winter respektieren, statt ihn zu übergehen. Zeit wird wieder lebendig, wenn wir sie als Beziehung begreifen, nicht als Ressource.

Schlussgedanken

Zeit ist nicht verloren. Sie ist überlagert. Die Namen der Monate tragen noch immer ihre ursprüngliche Bedeutung in sich. Wir müssen nur wieder lernen, hinzuhören. Wer die Geschichte der Zeit kennt, lebt bewusster in ihr. Und vielleicht beginnt dann auch das Jahr wieder dort, wo es sich richtig anfühlt: im Aufbruch, nicht im Zwang.

Wichtiger Hinweis: Der Artikel dient der allgemeinen Information. Für individuelle Diagnosen oder Behandlungsempfehlungen wende dich bitte an einen Facharzt oder Therapeuten.

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