
Rainer Maria Rilke
Er zeigte, dass innere Reife durch Einsamkeit, Geduld und ein bewusst gelebtes Innenleben entsteht.
1875, Prag – 1926, Montreux, Schweiz
„Haben Sie Geduld mit allem Ungelösten in Ihrem Herzen."
Es gibt Ratschläge, die man vergisst, sobald man sie gehört hat. Und es gibt einen Satz von Rilke, der sich in einem festsetzt wie ein Stein im Schuh: Liebe die Fragen selbst. Kein Trost, keine Antwort – nur die Aufforderung, mit dem Nichtwissen anders umzugehen.
Wer war Rainer Maria Rilke?
Rilke wurde in Prag geboren, in einer deutschsprachigen Familie inmitten einer tschechischen Stadt – ein früher Zustand des Dazwischen, der sein ganzes Werk prägen sollte. Er reiste rastlos: Russland, Paris, Muzot in der Schweiz, wo er, nach Jahren des Schweigens, innerhalb weniger Wochen die Duineser Elegien und die Sonette an Orpheus vollendete. Zwischen 1903 und 1908 schrieb er die Briefe an einen jungen Dichter – nicht als Lehrbuch, sondern als sehr persönliche Korrespondenz mit einem jungen Kadetten, der ihm seine eigenen Gedichte geschickt hatte.
Der Kerngedanke
Rilkes zentrale Haltung ist eine Umkehrung der üblichen Erwartung an Weisheit. Wir suchen für gewöhnlich Antworten, um endlich ruhig weiterleben zu können. Rilke schlägt das Gegenteil vor: die Fragen selbst lieb zu gewinnen, wie verschlossene Zimmer oder Bücher in einer fremden Sprache – und darauf zu vertrauen, dass man eines Tages, vielleicht ohne es zu merken, in die Antwort hineinlebt.
Was hat das mit uns zu tun?
In einer Zeit, die für fast jede Verunsicherung sofort eine Antwort googelt, ist Rilkes Rat fast subversiv: Nicht jede Frage verlangt eine Lösung. Manche verlangen nur, dass man mit ihnen wohnen lernt – bei der Berufswahl, in einer unklaren Beziehung, in der Frage, wer man eigentlich sein will. Geduld ist bei Rilke keine Passivität, sondern eine eigene Form von Aktivität.
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Vielleicht ist das die stillste Form von Mut: eine Frage offen zu lassen, obwohl es so viele fertige Antworten gäbe, die man einfach nehmen könnte.