
Hilma af Klints Geheimnis: Empfangen wir Kreativität, oder erschaffen wir sie?
Es gibt Bilder, die älter aussehen als ihre Zeit, und es gibt Bilder, die ihrer Zeit so weit voraus sind, dass man sie erst Jahrzehnte später überhaupt sehen kann. Hilma af Klints abstrakte Kompositionen entstanden Jahre vor Kandinsky. Große, leuchtende Formen, Spiralen und Kreise, gemalt in einer Sprache, für die es zu ihrer Zeit noch gar kein Publikum gab. Und doch verschwand sie fast ein Jahrhundert lang aus der Kunstgeschichte, weil sie selbst verfügte, dass ihre Werke erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden dürften. Die Welt, so schien sie zu ahnen, war noch nicht bereit dafür. Erst 2018, mit einer großen Retrospektive im Guggenheim Museum, wurde einem breiten Publikum bewusst, wen die Kunstgeschichte fast vergessen hätte.
Aber nicht das ist das eigentlich Erstaunliche an ihr. Das Erstaunliche ist, was sie über die Herkunft ihrer Bilder sagte: Sie male nicht selbst. Sie empfange. Höhere Wesen, mit denen sie gemeinsam mit vier befreundeten Künstlerinnen, "De Fem", die Fünf, in spiritistischen Sitzungen in Verbindung stand, führten, ihren eigenen Worten nach, ihre Hand. Sie sprach von einem "Auftrag", den sie erhalten habe, und von Bildern, die "durch" sie entstanden seien, nicht "von" ihr.
Man kann das belächeln. Man kann es auch ernst nehmen, nicht als übersinnliche Tatsachenbehauptung, sondern als eine der ehrlichsten Beschreibungen eines Zustands, den fast jeder kennt, der je etwas erschaffen hat: der Moment, in dem man nicht mehr das Gefühl hat, etwas zu machen, sondern etwas geschieht durch einen hindurch. Ein Satz schreibt sich fast von selbst. Eine Melodie ist plötzlich da, bevor man sie gesucht hat. Ein Pinselstrich landet richtig, ohne dass man vorher wusste, warum.
Eine sehr alte Frage in neuem Gewand
Af Klint ist damit in bemerkenswerter Gesellschaft. Schon Platon lässt in seinem Dialog "Ion" den Gedanken durchscheinen, dass der wahre Dichter nicht aus eigenem Können schöpft, sondern in einem Zustand der Entrückung spricht – ergriffen von etwas, das größer ist als er selbst, "nicht bei Verstand", solange das Lied in ihm ist. Die Muse als äußere Instanz, nicht als Metapher, sondern als reale Kraft, zieht sich durch Jahrtausende abendländischen Denkens, von den antiken Epen, die stets mit einer Anrufung der Muse beginnen, bis zu romantischen Dichtern, die von "Eingebung" sprachen, als käme sie tatsächlich von außen.
Die Surrealisten um André Breton suchten diesen Zustand später ganz bewusst und methodisch: automatisches Schreiben, bei dem die kontrollierende Vernunft ausgeschaltet werden sollte, damit etwas anderes – das Unbewusste, der Traum, das Verdrängte – zu Wort kommen konnte. Breton verglich diesen Zustand selbst mit einem Diktat, dem man nur noch folgen müsse, ganz ähnlich wie af Klint ihre eigene Praxis beschrieb, nur dass bei ihr eine spirituelle statt eine psychologische Deutung im Vordergrund stand.
Und wer je einem Jazzmusiker im freien Solo zugehört hat, kennt eine dritte Variante derselben Erfahrung. Musiker beschreiben diesen Moment oft fast wortgleich zu af Klint: Man hört auf, "Töne zu spielen", und beginnt, ihnen zu folgen, als wären sie schon vorhanden und müssten nur noch gefunden werden. Keith Jarretts vollständig improvisierte Konzerte, bei denen kein einziger Ton vorher feststand, sind vielleicht die radikalste moderne Fortsetzung dessen, was af Klint in ihrem Atelier erlebte, nur dass die Leinwand hier die Stille ist, in die hinein gespielt wird, und der Pinselstrich der nächste Ton, der kommen muss, ohne dass man ihn erzwingen kann.
Malerei, Schrift, Musik. Drei vollkommen verschiedene Ausdrucksformen, die immer wieder an genau derselben Schwelle stehen: dem Punkt, an dem das bewusste Steuern aufhört und etwas anderes übernimmt.
Was, wenn es die eigene Tiefe ist?
Die Moderne hat für dieses Phänomen ein anderes Wort gefunden: das Unterbewusste. C. G. Jung entwickelte mit der "aktiven Imagination" eine Methode, die af Klints Praxis erstaunlich nahekommt. Sich einem inneren Bild öffnen, es entstehen lassen, ohne es zu steuern, und ihm dann erst im Nachhinein Bedeutung abringen. Jung selbst praktizierte das jahrelang in seinem sogenannten "Roten Buch": Er zeichnete und schrieb, was ihm aus dem eigenen Inneren entgegenkam, oft in einem Zustand, den er selbst als beinahe visionär beschrieb.
Vielleicht ist die "höhere Stelle", von der af Klint sprach, gar keine externe Instanz, sondern die Tiefe der eigenen Psyche, ein Bereich, der uns so fremd ist, dass wir ihm intuitiv einen Ort außerhalb unserer selbst zuweisen, weil "ich" es doch offensichtlich nicht bewusst gemacht habe. Das Unbewusste fühlt sich fremd an, gerade weil es unser eigenes ist, nur eben nicht das Ich, das wir kennen und kontrollieren.
Entbergen statt Machen
Der Philosoph Martin Heidegger böte hier einen leisen, aber tiefen Gedanken an. In seinen Überlegungen zur Kunst beschreibt er das Kunstwerk nicht als etwas, das der Künstler herstellt, sondern als etwas, durch das sich Wahrheit entbirgt, als würde im Werk etwas sichtbar, das vorher verborgen war, und der Künstler wäre eher derjenige, der diesem Sichtbarwerden einen Weg bereitet, als derjenige, der es erzwingt. Das Werk, so Heidegger, "stellt eine Welt auf" und lässt zugleich "die Erde", das Verborgene, Unverfügbare hervortreten, ohne es vollständig zu erklären oder zu bezwingen.
Das trifft af Klints Selbstverständnis fast wörtlich, nur ohne die spiritistischen Sitzungen. Ihre "Gelassenheit", wie Heidegger es nennen würde: das Sein-lassen statt des Machen-Wollens. Nicht der Künstler beherrscht das Werk, sondern das Werk geschieht, wenn der Künstler aufhört, es beherrschen zu wollen.
Die Gegenstimme
Und doch wäre es zu einfach, hier stehenzubleiben. Jean-Paul Sartre würde widersprechen und zwar entschieden. Für ihn ist der Mensch radikal frei, und diese Freiheit lässt sich nicht abgeben, auch nicht an eine höhere Macht, ein Unterbewusstes oder eine Muse. Die Behauptung, geführt worden zu sein, könnte für Sartre eine Form der mauvaise foi sein. Der Selbsttäuschung, mit der wir uns vor der unbequemen Wahrheit drücken, dass wir selbst die Urheber sind, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Verantwortung lässt sich nicht wegdelegieren, nicht einmal an das eigene Unbewusste, nicht einmal an eine Instanz, die sich noch so real und noch so viel größer als das eigene Ich anfühlt.
Sartre würde vermutlich sagen: Gerade weil es sich anfühlt, als käme es von woanders, ist es umso wichtiger, sich die eigene Urheberschaft nicht nehmen zu lassen. Die Anstrengung, etwas zu erschaffen, verschwindet nicht dadurch, dass sie sich mühelos anfühlt. Im Gegenteil, das mühelose Gefühl könnte gerade der Moment sein, in dem wir am meisten wir selbst sind, nur ohne die ständige Selbstbeobachtung, die uns sonst begleitet.
Vielleicht ist gerade diese Reibung, zwischen Empfangen und Verantwortung, zwischen Hingabe und Freiheit, der eigentlich interessante Ort. Nicht die Antwort, sondern die Spannung selbst.
Praxis: Die empfangende Hand
Wer diesem Zustand einmal selbst nachspüren möchte, muss weder Malerin noch Musiker von Beruf sein. Die folgende kleine Übung lässt sich mit Farbe, Wort oder Ton durchführen. Wichtig ist nur, sich für ein paar Minuten wirklich auf das Nicht-Steuern einzulassen, auch wenn sich das zunächst ungewohnt anfühlt:
- Malen/Zeichnen: Papier und Stift oder Farbe bereitlegen. Kurz ankommen, die Augen schließen, ein paar Atemzüge lang nichts wollen. Dann beginnen, ohne Plan. Die Hand führen lassen, nicht das Denken. Keine Bewertung während des Tuns, kein "das sieht komisch aus".
- Schreiben: Derselbe Ablauf. Fünf Minuten automatisches Schreiben, ohne den Stift vom Papier zu nehmen, ohne innezuhalten und zu überlegen, ob der Satz "richtig" ist. Auch wenn Unsinn entsteht, weiterschreiben.
- Musik: Ein Instrument oder die eigene Stimme nehmen, ohne Tonleiter, ohne Akkordfolge, ohne Ziel. Fünf Minuten frei spielen oder summen, ohne zu bewerten, ob es "gut" klingt. Wer kein Instrument zur Hand hat, kann auch mit dem Rhythmus eines Löffels auf einem Tisch beginnen, es geht nicht um Virtuosität, sondern um das Zulassen.
Bei allen drei Wegen danach dieselbe Frage stellen: Was ist entstanden und erkenne ich darin etwas, das ich nicht bewusst hineingelegt habe? Manchmal ist die Antwort ernüchternd, nichts Besonderes. Manchmal überrascht einen das eigene Blatt, der eigene Klang. Beides ist ein gültiges Ergebnis dieser kleinen Erkundung.
Schlussgedanke
Vielleicht ist die Frage "Empfangen oder Erschaffen?" gar nicht zu beantworten, weil im Moment des Schaffens selbst diese Trennung noch nicht existiert. Ob mit Pinsel, Stift oder Instrument: Die Unterscheidung entsteht erst danach, wenn wir versuchen, das Geschehene zu erklären, wenn wir dem, was einfach geschah, im Nachhinein eine Geschichte geben müssen, um es zu verstehen. In dem Moment selbst gibt es vielleicht nur das Tun und die Stille davor, aus der es kommt.
Hilma af Klint hat diese Stille ein Leben lang ernst genommen, mehr als die meisten es sich trauen. Vielleicht ist genau das ihr eigentliches Vermächtnis: nicht die Bilder selbst, sondern der Mut, dem Nicht-Wissen so lange zu vertrauen, bis daraus etwas wurde.
Wichtiger Hinweis: Der Artikel dient der allgemeinen Information. Für individuelle Diagnosen oder Behandlungsempfehlungen wende dich bitte an einen Facharzt oder Therapeuten.