
Schon im Paradies waren die anderen schuld: Warum wir Verantwortung abschieben, statt Probleme zu lösen
Schon im Paradies waren die anderen schuld
Es ist eine der bekanntesten Geschichten der Menschheit. Eva nimmt die verbotene Frucht vom Baum und isst davon. Sie gibt auch Adam davon, der bei ihr ist, und auch er isst. Was danach geschieht, finde ich fast interessanter als der berühmte Sündenfall selbst.
Als Gott Adam zur Rede stellt, sagt dieser nicht einfach: Ja, ich habe davon gegessen. Stattdessen verweist er auf Eva: Die Frau, die Gott ihm gegeben habe, habe ihm die Frucht gereicht. Daraufhin wird Eva gefragt, was geschehen sei. Auch sie übernimmt die Verantwortung nicht einfach, sondern verweist auf die Schlange: Sie habe sie getäuscht.
Die Verantwortung wandert. Von Adam zu Eva, von Eva zur Schlange. Und bei Adam sogar ein kleines Stück weiter zu Gott selbst, schließlich war es ja die Frau, die er ihm gegeben hatte.
Man muss die Genesis nicht als historischen Bericht lesen und nicht einmal religiös sein, um darin etwas sehr Menschliches zu erkennen. Mythen haben die faszinierende Eigenschaft, menschliche Verhaltensweisen auf wenige Bilder zu verdichten. Und vielleicht erzählt diese alte Geschichte nicht nur davon, wie der Mensch Gut und Böse erkennen lernte. Vielleicht erzählt sie auch davon, wie schwer es ihm von Anfang an fiel, mit dieser Erkenntnis umzugehen.
Denn das Muster begegnet uns bis heute.
Hauptsache, ich war es nicht
Vielleicht kennst du solche Situationen aus deinem Arbeitsalltag. Ein Projekt läuft aus dem Ruder und plötzlich wird erstaunlich viel Energie darauf verwendet, alte E-Mails herauszusuchen, Zuständigkeiten abzugrenzen und zu erklären, warum der eigene Bereich eigentlich gar nicht verantwortlich war. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass mehr Arbeit in die Frage fließt, wer ein Problem verursacht hat, als in dessen Lösung.
Auch in Vereinen lässt sich Ähnliches beobachten. Für Ämter, Aufgaben und dauerhafte Verantwortung finden sich oft nur schwer Menschen. Wird dagegen etwas erfolgreich abgeschlossen, ist die Bereitschaft, sich mit diesem Erfolg zu identifizieren, wesentlich größer. Für die Arbeit hinter den Kulissen bleiben wenige Hände. Für die Lorbeeren finden sich schnell viele.
Und auch Beziehungen sind davon nicht ausgenommen. Ein Mensch sagt: „Das hat mich verletzt.“ Und statt zunächst zuzuhören, kommt die Antwort: „Aber du hast doch vorher …“ Innerhalb weniger Sekunden sprechen zwei Menschen nicht mehr darüber, was zwischen ihnen geschehen ist. Sie führen ein Verfahren darüber, wer angefangen hat.
Vielleicht erkennst du dich sogar selbst darin. Ich jedenfalls kann nicht behaupten, dass mir der Impuls völlig fremd wäre. Wenn etwas schiefgeht, ist es unangenehm, den eigenen Anteil daran zu betrachten. Unser Selbstbild möchte schließlich erhalten bleiben: Ich bin vernünftig. Ich bin zuverlässig. Ich bin ein guter Partner, Kollege oder Freund. Die Vorstellung, selbst zu einem Problem beigetragen zu haben, erzeugt einen unangenehmen Widerspruch.
Also suchen wir nach Erklärungen. Und manchmal wird aus einer Erklärung unbemerkt eine Ausrede.
Wenn Verantwortung sich im Raum verteilt
Die Psychologie kennt dafür verschiedene Mechanismen. Einer davon ist die Verantwortungsdiffusion. Berühmt wurde der Begriff unter anderem durch die Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané. In ihren klassischen Untersuchungen zum Verhalten von Zuschauern in Notsituationen zeigte sich: Wenn Menschen glaubten, dass auch andere eine Notsituation wahrnahmen, sank ihr individuelles Gefühl persönlicher Verantwortung.
Das Prinzip lässt sich nicht einfach eins zu eins auf jedes Büro oder jeden Verein übertragen. Aber der dahinterliegende Mechanismus ist interessant: Je weniger eindeutig Verantwortung bei uns selbst liegt, desto leichter können wir innerlich einen Schritt zurücktreten. Irgendjemand wird sich schon kümmern. Irgendjemand hätte etwas sagen müssen. Irgendjemand war schließlich zuständig.
Problematisch wird es, wenn daraus eine chronische Verantwortungsverschiebung entsteht. Dann geht es nicht mehr um eine einzelne Situation, in der Zuständigkeiten tatsächlich unklar waren. Es entwickelt sich eine Haltung: Verantwortung wird möglichst vermieden, während Einfluss, Anerkennung und Vorteile durchaus willkommen bleiben.
Und das hat Folgen. Denn wer Verantwortung grundsätzlich als Gefahr empfindet, beginnt irgendwann schon im Vorfeld, sich abzusichern. Entscheidungen werden lieber nicht getroffen, schwierige Themen weitergereicht und Probleme erst angesprochen, wenn eindeutig feststeht, dass man selbst nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann.
Aus Vorsicht wird Passivität.
Die Angst vor dem Fingerzeig
Dabei wäre es zu einfach, Menschen, die Verantwortung vermeiden, lediglich Feigheit oder Bequemlichkeit vorzuwerfen. Vielleicht lohnt es sich, eine Ebene tiefer zu gehen. Denn Verantwortungsflucht entsteht nicht nur durch Menschen, die keine Verantwortung übernehmen wollen. Sie kann auch durch Kulturen entstehen, in denen Verantwortung ständig mit Schuld verwechselt wird.
Stell dir vor, in einem Team ist ein schwerwiegender Fehler passiert. Eigentlich wäre die wichtigste Frage: Wie konnte das passieren? Welche Abläufe, Entscheidungen und Informationen haben dazu geführt? Was haben wir übersehen? Und was müssen wir verändern, damit es nicht wieder geschieht?
Wenn die Beteiligten aber gelernt haben, dass „Wie konnte das passieren?“ in Wahrheit bedeutet „Wen können wir dafür verantwortlich machen?“, verändert sich alles. Menschen beginnen, sich zu schützen. Sie geben Informationen vorsichtiger weiter, verteidigen ihre Entscheidungen und vermeiden es, Unsicherheiten oder eigene Fehler offen anzusprechen.
Die Organisationsforscherin Amy Edmondson hat für Teams den Begriff der psychological safety, der psychologischen Sicherheit, geprägt. Gemeint ist ein Klima, in dem Menschen zwischenmenschliche Risiken eingehen können – beispielsweise einen Fehler eingestehen, eine kritische Frage stellen oder zugeben, etwas nicht zu wissen. In ihrer bekannten Untersuchung von 51 Arbeitsteams war psychologische Sicherheit mit Lernverhalten verbunden.
Das führt zu einem bemerkenswerten Paradox: Eine Kultur, die ständig nach Schuldigen sucht, kann genau jene Verantwortungsflucht hervorbringen, über die sie sich anschließend beklagt.
Wenn jeder Fehler zur persönlichen Anklage wird, lernen Menschen nicht, Verantwortung zu übernehmen. Sie lernen, sich abzusichern.
Der Schreibtisch schützt nicht vor Verantwortung
An diesem Punkt wird Hannah Arendt interessant. Ihre Auseinandersetzung mit Adolf Eichmann nach dessen Prozess in Jerusalem bewegte sich selbstverständlich in einer historischen Dimension, die mit unseren alltäglichen Konflikten nicht vergleichbar ist. Ihre Überlegungen zu Denken, Urteilen und persönlicher Verantwortung reichen aber weit über diesen konkreten Fall hinaus.
Eichmann war an der Organisation der Deportation von Millionen Menschen beteiligt. Arendt sah in ihm gerade nicht einfach ein dämonisches Monster. Sie beschäftigte vielmehr seine erschreckende Gedankenlosigkeit: seine Unfähigkeit, selbstständig zu urteilen und das eigene Handeln aus der Perspektive anderer Menschen zu betrachten. Wichtig ist dabei eine häufig übersehene Nuance: Für Arendt war Eichmann gerade nicht bloß ein unschuldiges Rädchen in einer Maschine. Sie hielt ihn für seine Taten verantwortlich.
Darin steckt ein unbequemer Gedanke. Systeme, Hierarchien, Vorschriften und Zuständigkeiten beeinflussen unser Handeln. Aber sie können uns das eigene Denken nicht vollständig abnehmen.
Natürlich ist der Mitarbeiter, der eine unangenehme Entscheidung an seinen Vorgesetzten weiterreicht, kein „Schreibtischtäter“ im historischen Sinne. Ein solcher Vergleich wäre absurd. Aber die Frage, die Arendt aufwirft, bleibt auch im Kleinen interessant: An welchem Punkt verstecken wir uns hinter unserer Rolle, statt selbst zu urteilen?
„Ich habe nur gemacht, was mir gesagt wurde.“
„Dafür bin ich nicht zuständig.“
„So sind eben die Regeln.“
Manchmal stimmen diese Sätze. Und manchmal dienen sie als Versteck.
Sartre und die unbequeme Freiheit
Noch radikaler wird es bei Jean-Paul Sartre. Für ihn gehören Freiheit und Verantwortung untrennbar zusammen. Der Mensch findet sich zwar immer in Umständen wieder, die er sich nicht ausgesucht hat. Trotzdem muss er sich zu diesen Umständen verhalten. Selbst das Nichtentscheiden kann eine Entscheidung sein.
Sartre beschreibt mit der mauvaise foi, der Unaufrichtigkeit oder „bad faith“, eine Form der Selbsttäuschung, bei der wir unsere eigene Freiheit vor uns selbst verbergen. Ein typisches Muster wäre die innere Behauptung: Ich kann eben nichts daran ändern. Ich bin nun einmal so. Die Umstände lassen mir keine Wahl. Gerade dieses Leugnen des eigenen Handlungsspielraums gehört für Sartre zur Flucht vor Verantwortung.
Das ist unbequem. Denn es nimmt uns eine unserer angenehmsten Möglichkeiten: uns selbst ausschließlich als Produkt der anderen zu betrachten.
Natürlich können andere Menschen uns verletzen. Natürlich können Strukturen ungerecht sein. Natürlich gibt es Situationen, in denen unser Handlungsspielraum winzig ist. Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, all das zu leugnen.
Es bedeutet vielmehr, innerhalb dieser Wirklichkeit nach dem eigenen Anteil zu fragen.
Was habe ich getan? Was habe ich nicht getan? Wo habe ich zugestimmt, obwohl ich Zweifel hatte? Wo habe ich geschwiegen? Welche Entscheidung habe ich getroffen? Und welche Möglichkeit habe ich jetzt?
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung.
Schuld schaut zurück, Verantwortung kann nach vorne schauen
Schuld fragt häufig: Wer hat das verursacht?
Verantwortung kann eine andere Frage stellen: Was davon liegt jetzt bei mir?
Das ist keine Wortklauberei. Ich kann an einer Situation beteiligt sein, ohne allein an ihr schuld zu sein. Ich kann Verantwortung für meinen Anteil übernehmen, ohne die Verantwortung der anderen auf mich zu laden. Und ich kann sogar Verantwortung für eine Lösung übernehmen, obwohl ich das ursprüngliche Problem überhaupt nicht verursacht habe.
Gerade deshalb halte ich es für gefährlich, Verantwortung und Schuld ständig miteinander zu vermischen. Wenn jedes „Ich hätte anders handeln können“ automatisch als Schuldeingeständnis verstanden wird, werden Menschen sehr vorsichtig damit, diesen Satz überhaupt noch auszusprechen.
Das sieht man besonders deutlich in Beziehungen. Zwei Menschen können gleichzeitig einen Anteil an einer schwierigen Dynamik haben. Wenn aber jede Anerkennung des eigenen Anteils sofort als Beweis dafür verwendet wird, dass der andere „recht hatte“, beginnt ein absurdes Tauziehen. Keiner darf einen Zentimeter Verantwortung übernehmen, weil dieser Zentimeter vom anderen sofort als Geländegewinn verbucht werden könnte.
Dann geht es irgendwann nicht mehr darum, einander zu verstehen. Es geht darum, den Prozess zu gewinnen.
Und Probleme, die vor Gericht stehen, lassen sich schlecht gemeinsam untersuchen.
Vielleicht brauchen wir weniger Schuld und mehr Verantwortung
Vielleicht ist deshalb nicht mangelndes Verantwortungsbewusstsein allein unser Problem. Vielleicht haben wir auch verlernt, einen Raum zu schaffen, in dem Verantwortung überhaupt gefahrlos ausgesprochen werden kann.
Einen Raum, in dem jemand sagen kann: „Das war meine Entscheidung, und rückblickend war sie falsch“, ohne dass dieser Satz für alle Ewigkeit gegen ihn verwendet wird. Einen Raum, in dem ein Vorstand zugeben kann, etwas übersehen zu haben. In dem ein Kollege sagen kann, dass er eine Aufgabe nicht erledigt hat. In dem ein Partner sagen kann: „Ja, an dieser Stelle habe ich dich verletzt“, ohne dass daraus automatisch folgt, dass der andere an allem unschuldig war.
Verantwortung braucht Mut. Aber sie braucht auch eine Umgebung, die diesen Mut nicht bestraft.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger danach fragen, wie wir Menschen dazu bringen können, endlich Verantwortung zu übernehmen. Die interessantere Frage könnte sein, welche Bedingungen Menschen brauchen, damit sie ihren eigenen Anteil überhaupt ansehen können, ohne sofort in Verteidigung gehen zu müssen.
Das wäre keine Kultur ohne Konsequenzen. Im Gegenteil. Verantwortung ohne Konsequenzen wäre bedeutungslos. Aber Konsequenzen müssen nicht zwangsläufig Demütigung, Schuldzuweisung oder Ausschluss bedeuten. Sie können auch bedeuten: verstehen, korrigieren, lernen und beim nächsten Mal anders handeln.
Schlussgedanke: Ein Satz, den Adam nicht sagte
Am Ende führt mich die Geschichte wieder zurück in den Garten Eden.
Vielleicht liegt das Interessante an Adam gar nicht darin, dass er von der Frucht gegessen hat. Menschen treffen falsche Entscheidungen. Sie lassen sich verführen, überschätzen sich, schweigen im falschen Moment und merken manchmal erst hinterher, was sie angerichtet haben.
Interessanter ist der Augenblick danach.
Adam hätte sagen können: „Ja. Ich habe davon gegessen.“
Damit hätte er weder Eva freigesprochen noch der Schlange Unschuld bescheinigt. Er hätte auch nicht behauptet, dass alles allein seine Schuld gewesen sei. Er hätte lediglich aufgehört, seinen eigenen Anteil an der Geschichte wegzuerklären.
Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort.
Nicht mit Selbstanklage. Nicht mit dem öffentlichen Suchen nach Schuldigen. Und auch nicht mit der Vorstellung, dass wir für alles verantwortlich seien, was uns widerfährt.
Sondern mit der Bereitschaft, auf eine Situation zu schauen und zu sagen: Das ist geschehen. Andere haben ihren Anteil daran. Und das hier ist meiner.
Erst wenn wir diesen Satz wieder sagen können, ohne ihn als Niederlage zu verstehen, können wir aufhören, Schuld im Kreis herumzureichen und anfangen, Probleme tatsächlich zu lösen.
Wichtiger Hinweis: Der Artikel dient der allgemeinen Information. Für individuelle Diagnosen oder Behandlungsempfehlungen wende dich bitte an einen Facharzt oder Therapeuten.