
"Die Menge ist die Unwahrheit": Was Kierkegaards unbequemste These mit dir und mir zu tun hat
Der Mann, der der Menge misstraute
Kierkegaard, 1813 in Kopenhagen geboren, lebte in einer Zeit, in der "die Menge" zum politischen und kulturellen Zauberwort wurde. Die öffentliche Meinung, der Zeitgeist, das, was "man" dachte. Er selbst war darin ein Außenseiter: körperlich zart, sozial unbequem, in Kopenhagen zeitweise Zielscheibe öffentlichen Spotts durch eine satirische Zeitschrift. Aus dieser Erfahrung heraus schrieb er einen Satz, der so schlicht wie sprengstoffhaltig ist: Die Menge ist die Unwahrheit.
Damit meinte er nicht, dass viele Menschen sich irren, weil sie dumm sind. Er meinte etwas Genaueres: Wahrheit ist für Kierkegaard immer eine Frage der persönlichen Aneignung. Ich muss selbst einstehen, selbst urteilen, selbst die Konsequenzen tragen. Sobald ich mich in der Menge auflöse, gebe ich genau das ab. Die Menge kann applaudieren oder verurteilen, aber sie kann nicht für mich urteilen. Und wenn ich sie das tun lasse, verliere ich nicht eine Meinung, ich verliere mich selbst.
Was "normal" eigentlich bedeutet
Hier liegt die eigentliche Verwechslung, um die es in diesem Text gehen soll: Wir behandeln "normal" - das, was viele tun – so, als wäre es ein Gütesiegel. Als würde Häufigkeit automatisch Richtigkeit bedeuten.
Philosophisch ist das ein Kategorienfehler. Ob etwas ist (deskriptiv – viele tun es) sagt nichts darüber aus, ob es gut oder wahr ist (normativ). Dass die meisten Kolleg:innen im Meeting nicken, beweist nicht, dass die Strategie klug ist. Es beweist nur, dass Nicken die soziale Reibung reduziert.
Genau diesen Mechanismus hat die Sozialpsychologie ein Jahrhundert nach Kierkegaard experimentell bestätigt. Der Konformitätsforscher Solomon Asch legte Versuchspersonen simple Vergleichsaufgaben vor. Welche von drei Linien ist gleich lang wie eine Referenzlinie. Die Antwort war eindeutig sichtbar. Trotzdem gaben viele Versuchspersonen die offensichtlich falsche Antwort, sobald eine Gruppe von Eingeweihten zuvor einstimmig dieselbe falsche Antwort genannt hatte. Nicht aus Überzeugung. Aus Anpassungsdruck.
Das ist der Mechanismus, den Kierkegaard schon kannte, ohne ihn Experiment nennen zu können: Menschen folgen selten der Wahrheit der Masse. Sie folgen der Angst, aus ihr herauszufallen.
Das "Man", ein Jahrhundert später
Ein anderer Denker hat diesen Mechanismus noch genauer seziert: Martin Heidegger, gut hundert Jahre nach Kierkegaard. Er beschrieb ein anonymes Subjekt, das er schlicht "das Man" nannte. Das man tut das so, das man sagt, das man findet. Niemand Bestimmtes sagt es. Und genau das macht es so wirkungsvoll: Es gibt niemanden, den man zur Rechenschaft ziehen könnte. "Man" ist überall und nirgends, unsichtbar und trotzdem bestimmend.
Wer im "Man" aufgeht, verliert nach Heidegger nicht seine Freiheit im dramatischen Sinne, er verliert etwas Leiseres: die Möglichkeit, sein Leben als sein eigenes zu führen, statt als eine Kopie dessen, was gerade gilt.
Kierkegaard und Heidegger unterscheiden sich in vielem. Aber in diesem Punkt reichen sie sich die Hand: Beide sehen im Mitlaufen keine böse Absicht, sondern eine stille Bequemlichkeit, den Weg des geringsten Widerstands, der sich als Normalität tarnt.
Nietzsche und die Herde
Ein dritter Denker gehört in diese Reihe, auch wenn er einen härteren Ton anschlägt: Friedrich Nietzsche. Er sprach nicht von "der Menge" oder "dem Man", sondern von der Herde. Ein Bild, das er bewusst unsanft wählte. Für Nietzsche war Herdenverhalten keine neutrale Eigenschaft des Menschen, sondern das Ergebnis eines langen historischen Prozesses: Wer sich der Gruppe unterordnet, wird belohnt. Mit Sicherheit, Zugehörigkeit, Schutz vor Verantwortung. Wer sich absondert, riskiert Ausgrenzung. Über Generationen hinweg, so Nietzsche, hat sich daraus etwas eingeschliffen, das er "Herdenmoral" nannte: ein Wertesystem, das nicht fragt "ist das gut?", sondern "was sichert dem Kollektiv das Überleben und den Frieden?" – Gleichheit, Anpassung, Vorsicht werden zur Tugend erklärt, alles Herausragende oder Abweichende zum Verdacht.
Sein Misstrauen richtete sich dabei weniger gegen einzelne Mitläufer:innen als gegen den Mechanismus selbst: dass eine Gesellschaft Konformität mit Moral verwechselt und Mut zur Abweichung mit Arroganz. Seine Antwort war das Bild des Menschen, der "wird, der er ist", nicht als Aufforderung zum Alleingang um jeden Preis, sondern als Einladung, die eigenen Maßstäbe zu prüfen, statt sie unbesehen von der Herde zu übernehmen.
Damit ergänzt Nietzsche Kierkegaard und Heidegger um eine unbequemere Facette: Während Kierkegaard die Menge als Ort der Unwahrheit und Heidegger das "Man" als anonyme Verfallenheit beschreibt, zeigt Nietzsche, warum dieser Mechanismus überhaupt entstanden ist. Aus einem sehr menschlichen, sehr nachvollziehbaren Bedürfnis nach Sicherheit. Das macht sein Misstrauen nicht weniger radikal, aber es macht es verständlicher: Wir laufen nicht mit, weil wir schwach sind, sondern weil Anpassung über lange Zeit schlicht funktioniert hat.
Woran du merkst, dass du gerade mitläufst statt urteilst
Es geht hier nicht darum, aus Prinzip zu widersprechen oder jede Gruppennorm zu verdächtigen. Rebellion um der Rebellion willen ist nur die Kehrseite derselben Unfreiheit. Es geht um etwas Kleineres und Ehrlicheres: die Frage, wann du selbst gerade urteilst und wann du nur nickst.
Drei Fragen, die dabei helfen können, diesen Unterschied im Alltag zu erkennen:
1. Könnte ich meine Position auch begründen, wenn niemand zustimmt?
Wenn die Antwort "eigentlich nicht" lautet, war es vermutlich kein eigenes Urteil, sondern ein geliehenes.
2. Wessen Meinung würde sich ändern, wenn ich meine eigene laut sagen würde?
Manchmal zeigt sich hier, dass die vermeintliche Einstimmigkeit im Raum eine Illusion war – dass mehrere Menschen aus denselben Gründen schweigen wie du.
3. Fühle ich mich erleichtert oder ein wenig leerer, nachdem ich zugestimmt habe?
Erleichterung ist oft der Hinweis darauf, dass Reibung vermieden wurde – nicht, dass eine Überzeugung bestätigt wurde.
Diese drei Fragen sind kein Test, den man bestehen oder nicht bestehen kann. Sie sind eher wie ein kleiner Spiegel, den man sich ab und zu vorhält.
Die eigene Stimme zurückholen
Kierkegaard, Heidegger und Nietzsche boten keine Anleitung zum Widerstand. Sie boten eine Einladung zur Ehrlichkeit: nicht ständig gegen den Strom zu schwimmen, sondern öfter zu merken, ob man gerade schwimmt oder nur treibt.
Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit, von der alle drei sprachen. Nicht die große Rebellion, sondern der kleine, leise Moment, in dem du merkst: Das hier ist meine Meinung, nicht nur ein Echo des Raumes. Und dieser Moment beginnt nicht mit einem lauten Nein zur Menge. Er beginnt mit der leisen Frage an dich selbst: Was denke eigentlich ich?
Wichtiger Hinweis: Der Artikel dient der allgemeinen Information. Für individuelle Diagnosen oder Behandlungsempfehlungen wende dich bitte an einen Facharzt oder Therapeuten.