Vom Marktwert des Selbst: Erich Fromm über die Kunst, sich selbst zu gehören

Vom Marktwert des Selbst: Erich Fromm über die Kunst, sich selbst zu gehören

Veröffentlicht 26. Juli 2026Lesezeit 6 Min.

Persönlichkeit & EntwicklungPhilosophie & LebensweisheitPsychologie & Bewusstsein

Es ist ein kurzer Moment, kaum eine Sekunde lang. Das Bild ist ausgewählt, der Text geschrieben, der Finger schwebt über dem Bildschirm und dazwischen, unbemerkt fast, findet eine stille Prüfung statt. Wird das ankommen? Zeigt es mich in einem guten Licht? Ist das genug, oder zu viel, zu wenig, zu ehrlich, zu glatt? Niemand hat uns beigebracht, in diesem Moment innezuhalten. Und doch entscheidet sich hier etwas, das weit über den einen Post hinausreicht: Wessen Blick eigentlich bewerten wir da? Und warum haben wir ihm die Macht über unseren Wert überlassen? Erich Fromm hätte diese Frage sofort erkannt. Er hat sie nur früher gestellt, lange bevor es Feeds, Likes oder Follower gab.

Der Marktcharakter, eine Diagnose vor ihrer Zeit

In "Wege aus einer kranken Gesellschaft" und später in "Haben oder Sein" beschreibt Fromm einen Persönlichkeitstyp, den er den Marktcharakter nennt. Gemeint ist ein Mensch, der sich selbst nicht mehr als das erlebt, was er ist, sondern als das, was er darstellt. Als eine Ware auf dem Persönlichkeitsmarkt, deren Wert sich allein aus der Nachfrage bemisst. Nicht die eigenen Fähigkeiten, Überzeugungen oder Gefühle zählen an sich, sondern wie gut sie sich verkaufen: wie sympathisch, erfolgreich, interessant man wirkt.

Das Tückische daran ist nicht die Eitelkeit, die gab es immer. Das Tückische ist, dass der Marktcharakter sein eigenes Selbstgefühl komplett von außen beziehen lernt. Erfolg fühlt sich nicht wie Erfüllung an, sondern wie Bestätigung. Misserfolg trifft nicht die Leistung, sondern die Existenz. Fromm schrieb das 1947. Es klingt, als hätte er eine Plattform vor Augen gehabt, die es noch gar nicht gab.

Wenn das Außen zur Norm wird

Eine zweite, oft unterschätzte Idee aus demselben Werk macht die Sache noch schärfer: Fromm stellt dort eine unbequeme These auf. Eine Gesellschaft ist nicht automatisch gesund, nur weil sie reibungslos funktioniert. Sie kann krank machen, gerade indem sie entfremdetes Verhalten so gründlich zur Normalität erklärt, dass niemand mehr merkt, dass es ein Symptom ist.

Das ist der eigentliche Kipppunkt in Fromms Denken. Nicht der Einzelne, der sich ständig mit anderen vergleicht, ist das Problem. Das Problem ist ein Umfeld, das genau dieses Verhalten stillschweigend belohnt und zur Selbstverständlichkeit macht, bis der Vergleich sich nicht mehr wie ein Zwang anfühlt, sondern wie ganz normales Leben.

Die Vorhersage, die eingetroffen ist

Fromm konnte Instagram nicht kennen. Aber er beschrieb etwas, das seiner Wirkweise verblüffend nahekommt: einen Persönlichkeitsmarkt, auf dem der eigene Wert öffentlich verhandelt wird. Was zu seiner Zeit noch implizit im gesellschaftlichen Miteinander mitschwang. Die Frage, wie man ankommt, hat heute eine sichtbare Zahl bekommen. Likes, Follower, Reichweite. Der Markt, den Fromm meinte, ist nicht verschwunden. Er ist nur endlich sichtbar geworden, jederzeit geöffnet, nie geschlossen.

Das soll hier keine Anklage an eine Technologie sein. Plattformen sind Werkzeuge, keine Schicksale. Aber sie machen etwas leichter messbar, das vorher diffus blieb: wie sehr der eigene Selbstwert an fremden Reaktionen hängt. Und genau darin liegt die stille Aktualität einer über siebzig Jahre alten Diagnose.

Das Sein als Gegenentwurf

Fromm blieb nicht bei der Diagnose stehen. Seinem Marktcharakter stellt er einen anderen Modus gegenüber: das Sein. Ein Selbstverhältnis, das nicht auf Bestätigung angewiesen ist, sondern aus produktiver Tätigkeit erwächst, aus echter Begegnung, aus dem, was ein Mensch tut und ist, unabhängig davon, ob es gerade jemand bemerkt. In "Die Kunst des Liebens" führt er das weiter: reifes Lieben, schreibt er dort, entsteht aus Fülle, nicht aus dem Bedürfnis, geliebt zu werden. Derselbe Gedanke lässt sich auf den Selbstwert übertragen. Ein Selbstwert, der aus Substanz kommt, braucht kein Publikum, um zu bestehen.

Praxis-Tipp: Die Sekunde vor dem Posten

Ein kleiner Versuch, mit dem sich Fromms Unterscheidung im Alltag greifbar machen lässt: Bevor du das nächste Mal etwas veröffentlichst, ein Foto, einen Gedanken, eine Neuigkeit. Halte für einen Atemzug inne und stelle dir eine einzige Frage: Würde ich das genauso tun, festhalten, denken, wenn niemand es je sehen würde?

Es geht nicht darum, eine "richtige" Antwort zu finden oder sich das Teilen madig zu machen. Es geht darum, den Unterschied überhaupt einmal bewusst zu spüren. Zwischen dem, was aus Freude an der Sache selbst entsteht, und dem, was in erster Linie auf eine Reaktion von außen zielt. Schon dieses kurze Innehalten verschiebt etwas: Es holt die Entscheidung darüber, was etwas wert ist, für einen Moment zurück zu einem selbst.

Schlussgedanke

Fromm hat keine Lösung hinterlassen, die man abarbeiten könnte, und dieser Artikel soll auch keine liefern. Vielleicht bleibt am Ende nur eine andere Frage übrig als die, mit der wir begonnen haben. Nicht mehr: Wie wirke ich? Sondern: Bin ich? Auch dann, wenn gerade niemand hinschaut?

Eine Antwort darauf lässt sich nicht posten. Aber vielleicht lässt sie sich leben.

Wichtiger Hinweis: Der Artikel dient der allgemeinen Information. Für individuelle Diagnosen oder Behandlungsempfehlungen wende dich bitte an einen Facharzt oder Therapeuten.

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