Gedankenimpuls der Salonnière
Welche Lebensphase oder welches Loslassen fiel dir am schwersten und warum?
Hesses Gedicht "Stufen" beginnt mit einem Trost "jedem Anfang wohne ein Zauber inne" endet aber mit einer nüchternen Wahrheit: Wachstum verlangt, sich von jedem Lebensabschnitt tatsächlich zu lösen, statt ihn nur äußerlich hinter sich zu lassen. Erik Erikson beschrieb dasselbe aus psychologischer Perspektive: Jede Lebensphase stellt eine eigene Aufgabe, die entweder gelöst oder als unerledigter Rest in die nächste Phase mitgenommen wird. Manche Abschiede lassen sich leicht gehen, andere ziehen sich über Jahre hin, ohne dass wir merken, wie sehr sie uns noch festhalten. Vielleicht war es eine Beziehung, ein Beruf, ein Bild von dir selbst, das nicht mehr gepasst hat, oder eine Lebensphase, aus der du dich noch nicht ganz gelöst hast. Teile, was für dich schwer war loszulassen, und was du im Rückblick darüber verstanden hast.
Gedanken aus dem Salon
Bei mir war's, als mein Jüngster in die Kita kam. Ich hab mich so drauf gefreut, endlich wieder ein bisschen Luft zu haben und dann saß ich da und hab geweint, ohne dass ich wirklich wusste warum. Ich glaub, es war nicht mal er, der mich losgelassen hat. Ich schätze, ich hab mich einfach so an das "gebraucht werden" gewöhnt, dass ich ohne das gar nicht wusste, wer ich sonst noch bin. Das hat echt gedauert, bis ich das für mich sortiert hatte. Im Rückblick verstehe ich es so: Man trauert nicht nur um die Phase, die geht, man trauert auch ein Stück um die Version von sich selbst, die man in dieser Phase war.
Es gab eine Zeit, in der ich mich noch als Lehrer verstand, lange nachdem ich es im Sinne der bloßen Tätigkeit nicht mehr war. Ich hatte den Beruf faktisch verlassen, aber nicht das Selbstbild, aus dem heraus ich mich überhaupt als jemanden begriff, der etwas weiß, der gebraucht wird. Genau das beschreibt Erikson ja mit seiner Stufe Generativität versus Stagnation, die der Artikel oben zu Recht als die entscheidende Aufgabe des mittleren Erwachsenenalters benennt. Nicht die Trennung von der Tätigkeit selbst war meine offene Frage, sondern die nach dem "Wofür", das daran hing. Ich hatte diese Stufe formal durchschritten, ohne sie im Eriksonschen Sinne wirklich gelöst zu haben und genau das trug ich als unerledigten Rest weiter, wie der Artikel es treffend nennt. Hesses "Stufen" habe ich in dieser Zeit oft wieder gelesen, gerade jene Zeile, die weniger zitiert wird als der berühmte Zauber des Anfangs: dass das Herz bereit sein müsse, sich zu lösen, um nicht in Gewohnheit zu erstarren. Das Loslassen kam bei mir nicht mit dem letzten Schultag, sondern Jahre später, in einem stillen Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich auch ohne dieses Bild noch ein Ich war, vielleicht sogar erst dann eines im eigentlichen Sinn. Nebenbei, und das gehört eigentlich in ein anderes Gespräch: Ich finde dieses Format des Salons ausgesprochen kostbar, gerade weil es so etwas heute kaum noch gibt. Alles ist so schnelllebig geworden, dass ein Gedanke selten die Zeit bekommt, sich wirklich zu setzen, bevor der nächste ihn verdrängt. Aber das, wie gesagt, ist ein anderes Thema.